Qualitätsmanagement
Ein Beziehungsgeflecht
Am Beispiel von Musik läßt sich das handgreiflich machen.
Fehler beim gemeinsamen Musizieren können sehr störend sein. Das ist bei Fehlern in Arbeitsabläufen anders. Da gelten sie zu Unrecht als Makel. Der Entwicklungspsychologe Prof. Wemer Deutsch stellte fest "Sie sind ein Teil von Lernvorgängen und können eine große Chance sein". Die Vorstellung, Fehler müssten einfach nur "ausgemerzt" werden, ist ganz falsch. Manchmal sind Fehler sogar die Voraussetzung für Innovationen, weil ein Fehler sich unerwartet als die bessere Variante für die bisher praktizierte Vorgehensweise erweisen kann. "Fehler können also zur Optimierung von Handlungsverläufen führen". Weil Fehler für Aufmerksamkeit sorgen, führen sie auch zu Interaktion - werden sie bemerkt, wird darüber gesprochen. "Sie regen dazu an, eine Situation gemeinschaftlich zu meistern", so der Experte. Deshalb, wenn Fehler auffallen, sollten sie nie zum Anlass von herablassender Kritik werden. "Hinweise auf Fehler müssen immer so formuliert werden, dass der andere sein Gesicht wahren kann".
Eine Auszubildende im 1. Lehrjahr wird bereits ein Erfolgserlebnis haben, wenn sie den Text einer Arbeitanweisung (AA) Wort für Wort gehört, verstanden und schließlich gelernt hat. Ihr sollte aufmerksam zugehört werden, wenn sie die Wörter nicht versteht oder anders auslegt, als die Verfasser das verstanden wissen wollen. Eine solche Auszubildende kann dann zum Ansporn für die Verfasser werden.
Für eine junge Medizinische Fachangestellte / Arzthelferin ("Tätigkeitsgruppe I: Ausführen von Tätigkeiten nach allgemeinen Anweisungen, wobei Handlungskompetenzen vorausgesetzt werden, wie sie durch ...") können die AAs wie ein Liederbuch sein: Sie kennt den Text des Liedes und die Noten erinnern sie an die Melodie. Und mit dem Liederbuch, z.B. den AAs, in der Hand kann sie viele Strophen darbieten, kann sie verschiedene Arbeitsplätze entsprechend den Weisungen bedienen. Ihr sollte Aufmerksamkeit zukommen, wenn sie Abläufe anders anfasst, als von den AA-Verfassern beabsichtigt. Was zuerst wie eine Schlamperei aussieht, könnte sich als erfreuliche Vereinfachung herausstellen.
Mit zunehmender Erfahrung und in den entsprechenden Tarifgruppen ("Tätigkeitsgruppe II: Teilweise selbstständiges Ausführen von Tätigkeiten, wobei Handlungskompetenzen bzw. gründliche und/oder vielseitige Fachkenntnisse vorausgesetzt werden. ..." und "Tätigkeitsgruppe III: Weitgehend selbstständiges Ausführen von Tätigkeiten, die besondere Anforderungen an die Handlungskompetenz und die Fach- oder Führungsverantwortung stellen und ...") kennen diese Medizinischen Fachangestellten / Arzthelferinnen alle Arbeitsabläufe und wissen, wie sie an deren Schnittstellen zusammenarbeiten. Das ist wie im Chor zu singen. Die Arbeitsanweisungen und die diese zusammenfassenden Verfahrensanweisungen (VA) entfalten sich bei ihnen zu einem bunten Gewebe, das sie für ihre Bereiche weiter entwickeln. Gibt es Veränderungen in einem Teil der Struktur der Praxis, z.B. eine neue Mitarbeiterin oder ein neues Gerät, so bemerken sie als Erste, wie sich das Muster im Gewebe verschiebt. Vieles rücken sie selbst wieder zurecht Und dokomentieren das. Denn all das sollte als neue AA-Version transparent gemacht werden. Haben sie dazu die Freiheit und genug Vertrauen?
In der Endstufe ("Tätigkeitsgruppe IV: Selbstständiges Ausführen von Tätigkeiten, die besondere Anforderungen an die Handlungskompetenz und die Fach- und Führungsverantwortung stellen und die in der Regel mit Leitungsfunktionen (Personalführung, Weisungsbefugnisse) verbunden sind. ...") beginnt die Fähigkeit, das Geschehen in der Praxis wie eine Partitur zu lesen. Das geht nicht mehr zeilenweise. Das Auge muß die ganze Seite im Blick haben und spaltenweise, Takt für Takt, das Geschehen im Blick haben. Die Veränderungen der Strukturen werden schnell erkannt und durch Veränderungen der Prozesse begleitet. Die Veränderungen im Muster des Gewebes werden aktiv beobachtet und dann im Blick auf das Ganze gesteuert und als neuer Soll-Zustand mit dem ganzen Team besprochen und dokumentiert.
Die Praxisleitung liest nicht nur die Partitur. Sie dirigiert das Musikstück "Praxis". Sie muß auch die auf dem Papier nicht darstellbaren Klänge der Stimmen und Instrumente im Ohr haben. Was für die Violinen und für die Trompeten in der Notenschrift gleich aussieht, macht für den Klangkörper des Orchesters, die ganze Praxis, wesentliche Unterschiede. Die Rückkopplung zwischen den Zielen, den Aufgaben und den Arbeitsabläufen, dem Innen der Praxis, sowie die Rückkopplung mit den äußeren Bedingungen der Praxis sind beide ständig zu beobachten und wollen fein gesteuert sein, besonders im Hinblick auf die Folgen für die Wirtschaftlichkeit der Praxis, die Zufriedenheit der Patienten und die Arbeitszufriedenheit in der Praxis
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